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Walter Reiter

 

Percussion-Ensemble – Die Anfänge in der ersten Hälfte des 20. Jh. von 1910 bis 1950

Musik besteht im Wesentlichen aus drei Parametern: aus Rhythmus, Melodie und Harmonie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts suchten die Komponisten nach neuen, unverbrauchten Ausdrucksmöglichkeiten. Gustav Mahler, Richard Strauss, später dann Igor Strawinski erweiterten den Schlagzeugapparat um bis dahin nicht oder nur selten eingesetzte Instrumente wie Kuhglocken, Tamtam und Gong (Gustav Mahler: 3., 5. und 6. Symphonie, Richard Strauss: Alpensymphonie, Elektra, Salome, Giacomo Puccini: Turandot), die Guiro (Igor Strawinski: Sacre du Printemps, 1913) oder eine Sirene in der Kammermusik Nr. 1 von Paul Hindemith (der solistische Xylophon-Part, so steht es in der Partitur, wird von der Piccoloflöte übernommen, wenn der Schlagzeuger den Part nicht bewältigen kann.).

Die Schlagzeuggruppen in den Orchestern, die bis dahin meistens aus einem Pauker und ein bis zwei Schlagzeugern bestanden, wurden größer, die Anzahl der Instrumente und der Spieler erweitert. „Die Befreiung des Schlagzeugs, aller der seltenen Instrumente, die bis dahin nur unwesentliche Zutat zur Musik waren, höchstens taktweise einmal die Stimme erheben durften, aber durchaus nicht vorlaut, die lediglich mit ihrem Geräusch unterstreichen, hervorheben, betonen sollten. Ein Orgelpunkt der Pauke, um Spannung zu steigern; ein Beckenschlag, um dem Orchestertutti ein metallisches Glanzlicht aufzusetzen; ein Trommelwirbel, um den Klang zu verdüstern; ganz sparsam ein paar grelle Spitzen des Triangels – darin erschöpfte sich die Bedeutung der Geräuscherzeuger im Sinfonieorchester, bis dann die Suche nach dem zeitgemäßen Klang anhob.“ (Fred K. Prieberg: Musica Ex Machina, Frankfurt a. M., 1960) Damit wurde ein neuer Parameter, nämlich die Klangfarbe in der Musik etabliert.

1918 reduzierte Igor Strawinski in der L´Histoire du Soldat radikal den gesamten Orchesterapparat auf eine kammermusikalische Besetzung. Das Ensemble umfasst Violine, Kontrabaß, Klarinette, Fagott, Trompete (Cornet), Posaune und Schlagzeug (1 Spieler). Der Schlagzeuger spielt 1 Große Trommel mit aufgeschnalltem Becken, 2 Kleine Trommeln mit und ohne Snares, 1 Militärtrommel, Triangel und Tambourin. „Strawinsky machte genaue Angaben über die Aufstellung der Instrumente sowie über die verschiedenen Schlägelarten und ihre Anwendung, die er dadurch ausdrückt, daß Notenhälse aufwärts gerichtet für die rechte, abwärts gerichtete für die linke Hand gelten. Auch Anschlagsflächen sind vorgegeben, z. B. am Rande oder in der Mitte des Fells.“ (Peinkofer/Tannigel: Vom Urklang zum Percussions-Ensemble, B. Schott´s Söhne, Mainz, 1980-81) Das Stück endet mit einem Solo des Schlagzeugers, dem ersten Schlagzeug-Solo der Musikgeschichte! Und: das Set-Up war erfunden. (Vorbild dieses Set-Ups waren die Schlagzeuge und Schlagzeuger der Dixie- und Ragtime-Bands sowie die der allmählich entstehenden Jazz-Band).

Zur Weltausstellung 1889 in Paris kamen Instrumente aus Asien, Japan, Kambodscha, Vietnam und die javanische Gamelan-Musik nach Europa. Deren unbekannte klangliche Vielfalt faszinierte die Komponisten der Zeit, vor allen Claude Debussy, und bald fanden sich Crotales, Gongs und Tamtams in den Partituren wieder. Zwei der wichtigsten Komponisten der „Groupe de Six“, Darius Milhaud und Arthur Honnegger, schrieben Werke, die für die Entwicklung der Schlaginstrumente von Bedeutung sind. In Les Coephores, 1915 von Milhaud für Sprech-Chor und Solo-Sprech-Stimme komponiert, unterstützen 15 Schlaginstrumente unbestimmter Tonhöhe die Sprecher. In seinem Ballet L´Homme et son désir von 1918 für Vokalquartett, 12 Soloinstrumente und Schlagzeug gibt es unbegleitete Schlagzeugpassagen, überhaupt ist der ganze Schlagzeugapparat sehr exponiert. Im gleichen Jahr schreibt Arthur Honnegger sein Ballett Le Dit du Jeux du Monde für Kammerorchester. Die Schlagzeuggruppe besteht aus vier Spielern, die zwei von zehn Tänzen alleine begleitet. Dies sind, soweit mir bekannt ist, die ersten Schlagzeug-Ensembles in der Musik. „Ein Orchester aus Schlagzeugern? Ja! Weshalb nicht? Es war ein Experiment, weil es gar nicht mehr anders ging.“ (Prieberg, a.a.O.)

Bis dahin dauerte es aber fast noch ein Jahrzehnt. In den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand viel „Musik über die Maschine“, als Maschinen-Musiken benannt, die ebenfalls für die Entwicklung des Schlagzeugs von Bedeutung waren. Der Einfluss der modernen Kunstrichtungen des Futurismus und Bruitismus emanzipierten das Geräusch als musikalisches Ausdrucksmittel. George Antheil schrieb 1926 sein Ballet Méchanique in dem neben Klavieren, Xylophonen, diversen Schlaginstrumenten, elektrischen Klingeln und Sirenen auch Flugzeugmotoren zu Instrumenten wurden.

1929 entstand dann Darius Milhauds Konzert für Schlagzeug und kleines Orchester, in dem der Schlagzeuger zum ersten Mal zum Solisten wurde. Ein Jahr später komponierte Amadéo Roldan, in Madrid geboren, in Paris ausgebildet, dann nach Kuba ausgewandert und stark von der kubanischen folkloristischen Musik beeinflusst, sechs Stücke für Kammermusikensemble mit dem Titel Ritmicas I – VI. Zwei Stücke aus dieser Reihe, die Ritmica V + VI, sind für ein Percussion-Ensemble von 11 Spielern komponiert. Es dauerte noch ein Jahr bis Edgard Varèse mit der Ionisation eines der wichtigsten und bedeutendsten Werke des 20. Jh. schuf. Damit ist die Frage Priebergs, ob es ein Orchester aus Schlagzeugern geben kann, eindeutig bejaht und das Schlagzeug-Ensemble wird - vergleichbar den bereits bekannten Kammermusik-Ensembles - endlich gleichwertig etabliert.

Varése sagte in einem Gespräch: „Wahrscheinlich verlangt die Zeit das. Auf jeden Fall weiß ich, daß ich der erste bin, der Kompositionen ausschließlich für Schlagzeug geschrieben hat. Was man davon zu erwarten hat, wie man es benutzen kann? Das Schlagzeug hat – was seine Klanglichkeit betrifft, eine Vitalität, die die anderen Instrumente nicht haben. Vor allem verfügt es über eine (...) Vielfalt, die die anderen Instrumente nicht haben.“ (zit. nach: Grete Wehmeyer: Edgard Varèse, Gustav Bosse Verlag, Regensburg, 1977) Er war streng genommen zwar nicht wirklich der erste, der ausschließlich für Schlagzeug komponierte, ohne jeden Zweifel aber schuf Varèse das erste wichtige, richtungsweisende und stilbildende Werk für Schlagzeug-Ensemble.

Henry Cowell, der amerikanische Komponist, Musikpionier und Erfinder, war der erste, „der das Klavier mit den Fäusten, mit den Unterarmen spielte, (...) der im Inneren des Klaviers spielte und überlegte verschiedene Objekte auf die Saiten zu legen“ (John Cage: Für die Vögel, Merve Verlag, Berlin, 1984). Er unterrichtete an der New School for Social Research die Fächer Moderne Harmonielehre, Überblick über zeitgenössische Musik und Musik der Völker der Erde. In seinem Umfeld und aus dem Zusammenschluss verschiedener Komponisten in der New Music Society entstanden die nächsten Kompositionen für Percussion-Ensemble: Von William Russell (1905-1992) March Suite, Three Dance Movements und Fugue for eight Percussion Instruments, von John Becker (1886-1968) Abongo, von Johanna Magdalena Beyer (1888-1944) Percussion Suite (alle 1933 komponiert) sowie Ostinato Pianissimo von Henry Cowell aus dem Jahr 1934.

John Cage, später einer der bedeutendsten Komponisten des 20.Jh., war zu dieser Zeit Schüler von Henry Cowell und Arnold Schönberg. Er komponierte zwischen 1935 und 1943 fünfzehn Werke für Schlagzeug, die er mit einem eigenen Ensemble auch aufführte. Diese Kompositionen werden bis heute immer wieder von Schlagzeug-Ensembles gespielt und sind zu bedeutenden Werken dieses Genres geworden. Genannt seien hier das Quartett (1935), die First, Second und Third Construction (1939-41), die Living Room Music (1940) und Amores (1943) für präpariertes Klavier und Schlagzeug. Die Rahmensätze von Amores werden auf einem präparierten Klavier gespielt und erinnern sehr an den Klang eines Gamelan-Orchesters. Die beiden Mittelsätze werden von Schlagzeugern gespielt. Vor allem aber die Living Room Music, Musik für ein Wohnzimmer, mit ihrer neuen ungewohnten Klanglichkeit wird immer wieder gespielt und wurde zur Folie vieler nachempfundener Kompositionen, deren musikalische Qualität von Ausnahmen abgesehen jedoch nie an das Original herankamen.

John Cage führte mit seiner Gruppe auch die Werke seiner Komponistenkollegen Amadéo Roldan, José Ardevol, William Russel und Lou Harrison auf. Harrison schrieb zwischen 1939 und 1942 zwölf Werke für Percussion-Ensemble, die bis heute zum Standardrepertoire der Musik für Schlaginstrumente gehören, und 1941 gemeinsam mit John Cage die Double Music for Percussion Quartett. Cage und Harrison komponierten von 1935 bis 1943 insgesamt 27 Werke für Schlagzeug.

Wurden in der unmittelbaren Nachfolge der Ionisation überwiegend Werke mit großer Besetzung von acht bis fünfzehn Schlagzeugern geschrieben, so reduzierten John Cage und Lou Harrison die Ensembles wieder auf kleinere Besetzungen. Die 1942 komponierte Toccata für 6 Percussionisten von Carlos Chavèz (1899-1978) ist ein weiteres wichtiges Werk, das hier erwähnt werden muss. Es konnte von der Gruppe um John Cage, für die es komponiert wurde, jedoch nicht aufgeführt werden. Cage schrieb in einem Brief: „He (Chavez) used conventional percussion techniques (particularly rolls) which my players could not perform. I am glad that the piece was written, grateful that he did it, and have always been sad that we were unable to present it.“ (zit. nach: Stephen L. Fulton: Hearing History: Musical Borrowing In The Percussion Ensemble Works etc., Dissertation,  University Of North Texas, 1999)

Ein weiteres wichtiges, weitaus traditionelleres, spieltechnisch jedoch anspruchsvolles Werk entstand 1937. Die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug von Bela Bartok wurde vom Komponisten und seiner Frau an Klavieren und mit zwei Schlagzeugern im gleichen Jahr in Basel uraufgeführt. Interessanterweise entstanden in dieser Zeit in der Europa keine neuen Kompositionen für Schlagzeug-Ensemble mehr. In Amerika hingegen entwickelten die Komponisten aus dem Umfeld von Henry Cowell, der New Music Society (Cage, Harrison, Beyer), der International Composers Guild (Varèse), der Pan American Association for Composers (Cowell, Varèse) und der American Composers for American music „ideas about the use of percussion and the future of it.“( Hall, Jim R.: Development of The Percussion Ensemble through the contributions oft he Latin American composers  Amadeo Roldán, José Ardévol, Carlos Chavéz, and Alberto Ginastera, Diss., The Ohio State University 2008)

Dies ist umso erstaunlicher, als diese Komponisten oft bei Lehrern aus der „alten“ Welt wie Arnold Schönberg, Ernst Toch und anderen ausgebildet wurden, aber trotzdem oder gerade deshalb eine vollkommen neue musikalische Sprache suchten und erfanden. War die Vereinfachung der Tonsprache, die Reduktion auf rhythmische Strukturen, die Inspiration durch ethnische Musiken eine Reaktion auf die Komplexität der Zwölftonmusik der sogenannten Zweiten Wiener Schule? So wie die Minimalmusik dreißig Jahre später eine Reaktion auf die Modelle des Serialismus der Darmstädter Schule war? Edgard Varèse schien es vorauszusehen und hat mit der Ionisation ein Schlüsselwerk der Musik des 20. Jh. geschrieben und so das Schlagzeug-Ensemble in der Musik, in der Kammermusik und damit im Herzen der Musik etabliert.

In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg entstanden keine wichtigen Werke mehr für Schlagzeug-Ensemble, die noch Eingang in den Werkekanon gefunden haben. Darius Milhaud schrieb 1947 ein Concert pour Marimba et Vibraphon et Orchèstre. Erst in den 50er/ 60er Jahren entstanden wieder wichtige Kompositionen für Schlagzeug-Ensemble von Komponisten wie z.B. Iannis Xenakis und Steve Reich.

 

Percussions-Ensemble – Die zweite Hälfte des 20. Jh. von 1950 bis 2000/13

Einleitung

Wie man im ersten Teil gesehen hat, gibt es bis 1945 ca. fünfzig Stücke für Percussion-Ensemble, von denen einige bis heute nicht verlegt, zum Teil verschollen, oder nur in Universitätsarchiven zugängig sind. Die Stücke von John Cage, Lou Harrison und Carlos Chavez sind jedoch, genau wie die Ionisation von Edgar Varèse, immer noch und immer wieder im Konzertrepertoire zu finden.

Die Werke der amerikanischen Komponisten zwischen 1930-1945 erscheinen mir als der Versuch von den europäischen Einflüßen eigene und unabhängige Wege zu finden. Damit einen Gegenentwurf zur sogenannten „Zweiten Wiener Schule“ zu bilden, sich dem Einfluß Arnold Schönbergs zu entziehen, und einen Widerpart zur Komplexität der von ihm mit erfundenen Kompostion mit Zwölf-Tönen zu sein.

John Cage war von 1935-37 Schüler von Arnold Schönberg. „In Wirklichkeit war ich der gelehrigste Student, als ich direkt vor Schönberg stand. Ich verehrte ihn! Für mich war er vollkommen anders als alle anderen Musiker, oder alle anderen Menschen. Ich glaubte alles was er sagte. Und vieles war erschreckend... Eines Tages hörte ich ihn vor der ganzen Klasse verkündigen: ‘Es ist mein Ziel, mein Lehrziel, es euch zu verunmöglichen, Musik zu schreiben.‘ Vielleicht habe ich in dem Moment angefangen zu revoltieren – trotz meiner fanatischen Ergebenheit im gegenüber.“ (John Cage: Für die Vögel, Merve Verlag, Berlin 1984, S. 76f)

Für William Russell ist der Jazz die einzig eigenständige amerikanische Musik und Quelle der Inspiration. „Fugue was on the same concert that premiered Ionisation in 1931. Influenced by Cage, Cowell, and Harrison. One of the first to integrate African, Caribbean, and Asian instruments. One of first to write for individual intensive multi set-ups for each percussionist. Huge jazz influence.  Focused on this because it was the only true American form of music that was not of a European origin.“ (zitiert nach http://lolo816.tripod.com/1910-1940.htm)

 Der zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit haben in Deutschland und Europa den Umgang mit und das Schaffen von Kunst stark beeinflußt. Nach dieser schrecklichen Erfahrung wollte und musste man sich als Künstler neu erfinden und positionieren. Für Deutschland und für Europa waren die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, 1946 gegründet, die bis heute noch alle zwei Jahre stattfinden, der Ort an dem man sich mit Kollegen aus der ganzen Welt austauschen, neue Kompostionsansätze, neue -Modelle vorstellen, diskutieren und ausprobieren konnte.

So entstanden und entwickelten sich neue Kompositionstechniken im Dialog zwischen Komponisten und Musikern.

Am einflußreichsten wurde die Technik der Serialität, bei der ausgehend von Arnold Schönbergs „Komposition mit zwölf Tönen“ nicht nur die Tonhöhen sondern auch die Rhythmen, Dynamiken und Klangfarben streng in Reihen organisiert wurden. Von Réné Leibowitz 1947/48 unter dem Begriff „Musique sérielle“ eingeführt.

Mit Olivier Messiaen, Luigi Nono, Pierre Boulez, Karel Goeyvaerts und Karl- Heinz Stockhausen (Kreuzspiel (1951) Kontra-Punkte (1952/53) und Gruppen für Orchester (1955-57)) sind die prominentesten Vertreter dieser neuen Kompositionstechnik benannt.

Die beiden Stücke für Schlagzeug-Solo von John Cage „27“10´ for a percussionist“ von 1956 und Karl-Heinz Stockhausens „Nr. 9 Zyklus für einen Schlagzeuger“ von 1959 sind exemplarische Beispiele für die Kompositionstechnik der Aleatorik, des Zufalls.

Das Spannungsfeld von Improvisation und Komposition wurde in diesen beiden Stücken jeweils auf sehr unterschiedliche Herangehensweise umgesetzt. 

Die grundlegende Idee dieses Komponierens war die Befreiung des Interpreten/Musikers durch eine von ihm autonom zu entscheidende, freie Interpretation/Ausführung der Kompositionen. Dies war das genaue Gegenteil der bis ins kleinste Detail exakt vorgeschriebenen Notentexten der seriellen Kompositionen, viel mehr geht es um die Umsetzung graphischer Notations-Modellen oder schriftlich fixierter Spielanweisungen. (Vgl. z. Bsp. K.-H. Stockhausen: Aus den sieben Tagen, UE, Wien 1968) Damit löste man sich wieder aus den Fesseln der Serialität.

 In der Zeit von 1913 bis 1929 entstehen keine eigenständigen Werke für Percussions-Ensemble. In den folgenden fünfzehn Jahren von 1930 bis 1945 entstand eine noch gut zu überschauende Anzahl von Werken für Percussions-Ensemble, ca. 50 Stücke.

Um einen Überblick für die Zeit von 1950 bis heute zu erstellen, erscheint es mir daher sinnvoll, jeweils einen Zeitraum von zehn Jahren zu untersuchen.

Ich habe mich für diesen Weg entschieden, als ich festgestellt habe, dass in der 1993 neu aufgelegten Literaturliste des Jugend-musiziert Wettbewerbs ca. 300 Werke für Schlagzeug-Ensemble aufgeführt werden. In der ersten Liste, noch vom Verband der Musikschulen 1978 erstellt, finden sich ca. 80 Werke. Im Katalog 2011 von Percussion-Brand findet man jetzt über 3000 Werke für Schlagzeug-Ensemble die mittlerweile verlegt und damit erhältlich sind.

 Ziel dieser Arbeit ist es nicht möglichst viele Stücke zu untersuchen, mit einander zu vergleichen oder zu bewerten, sondern dabei helfen sich einen Überblick zu verschaffen.

Um einen Überblick über die gesamte Entwicklung der Literatur der Schlaginstrumente zu bekommen, werden den Ensemble-Werken die zeitgleich entstandenen Werke für Schlagzeug-Solo und diejenigen für Schlagzeug mit Orchester und/oder in kammermusikalisch variablen Besetzungen gegenüber gestellt.

Wichtige Kriterien für die Auswahl der Stücke war:

1. Neu, originär d.h. bis dahin gibt es nichts vergleichbares.

(Z. B. für Ensemble: E. Varese, Ionisation; John Cage, Living Room Music. Für Solo: K. H. Stockhausen: Nr. 9 Zyklus für einen Schlagzeuger; M. Feldman: The King of Denmark. Für Orchester: A. Jolivet, Concerto pour percussion et orchèstre usw.)

2. Stilbildend und Einzug ins Repertoire gefunden.

3. Verlegt und damit erhältlich.

Ein weiterer wichtiger Bereich der Musik für Schlaginstrumente für den es mittlerweile auch eine umfangreiche Literatur gibt, der Bereich der Mallet-Instrumente und die dafür geschriebenen Stücke, werden hier ausgespart und sollen an anderer Stelle erörtert werden.

 

1950 - 1960

Die beiden in den 50ziger Jahren für die Musik für Schlagzeug entscheidenden Werke sind „27’10.554’’ for a percussionist“ (1956) von John Cage (1912-1992) und „Nr. 9 Zyklus für einen Schlagzeuger“ (1959) von Karl-Heinz Stockhausen (1928-2007). Diese beiden Werke für Schlagzeug-Solo von zwei der einflußreichsten Komponisten der Nachkriegszeit, vielleicht des 20. Jahrhundert, sind exemplarische Beispiele für die individuell so unterschiedlichen Kompositionstechniken dieser beiden so unterschiedlichen Komponisten.

 

Werke für Schlagzeug-Ensemble gibt es in diesem Zeitraum nur wenige. Bekannt geworden davon sind von Michael Colgrass (1932-) Three Brothers, Chamber Music For Percussion Quartett, Percussion Music und Rites. Von Jack McKenzie (1930-2010) Introduction and Allegro, Song, Pastoral, Three Dances und Nonett. Von Warren Benson (1924-2005) ein Trio For Percussion und Three Pieces. Alan Hovhaness (1911-200) revidiert sein 1942 entstandenes Werk October Montain im Jahr 1957. Von Ben Johnston (1926-) gibt es ein Concerto For Percussion aus dem Jahr 1952.

Diese Stücke bleiben aber eher Randerscheinungen und haben wenig ästhetische Auswirkungen oder nachhaltigen Einfluß.

Ein weiteres singuläres Phänomen sind die Six/Eight Pieces For Timpany (1949/66) von Elliot Carter (1908-2012). Diese sind bis heute stilbildend für die später entstandenen Kompostionen für Pauken.

Harry Partch (1901-1974) Komponist, Erfinder und Instrumentenbauer experimentierte mit und baute verschiedene Schlaginstrumente für seine Musik.

 

Überblick/Aufstellung der wichtigsten Werke für Ensemble/Solo/Kammermusik-Orchester kann bei mir nachgefragt werden und wird auf Wunsch zugeschickt.

 

1960 - 1970

In den 60zigern sieht es immer noch ganz ähnlich aus. Wiederum gibt es keine wichtigen Werke für Schlagzeug-Ensemble, aber ein bedeutendes Stück für Solo-Schlagzeug von Morton Feldman (1926-87) „The King Of Denmark“ (1964) entsteht. Zu erwähnen ist ein weiteres Solo-Stück „Interieur 1“ (1965/66) von Helmut Lachenmann (1935-) geschrieben, und „Air“ für großes Orchester und Schlagzeug-Solo (1966) vom gleichen Komponisten.

1962 wird in Frankreich ein Percussions-Ensemble gegründet, dass im vergangenen Jahr sein fünfzigstes Bühnenjubiläum feierte und das wichtige Impulse für die Entstehung von Musik für Percussions-Ensemble gab und immer noch gibt, „Les Percussions de Strasbourg.“

Für dieses Ensemble geschrieben oder von ihm in Auftrag gegeben, sind mittlerweile eine große Anzahl von Stücken entstanden. Dieses Ensemble ist auch seit langem in der Musikvermittlung aktiv und hat für die Verbreitung der Musik für Schlaginstrumente in seiner großen Vielfalt außergewöhnliches geleistet.

Das bedeutendste Werk aus dieser Zeit ist „Pérséphassa“ für Schlagzeug-Sextett (1969) von Iannis Xenakis (1922-2001). Er schrieb dann später noch zwei wichtige Werke für Schlagzeug-Solo.

Xenakis war eigentlich Architekt und arbeitete in seinen Kompositionen mit mathematischen Modellen z. B. aus der Stochastik. Persephassa spielt mit verschiedenen Zeitebenen und kann als Raum-Klang-Komposition beschrieben werden. Es wurde von dem oben genannten Ensemble 1969 uraufgeführt.

Carlos Chavez, mexikanischer Komponist schrieb 1964 ein zweites Stück für Schlagzeug-Ensemble, „Tambuco“, dem aber nicht der gleiche Erfolg wie für seine „Toccata“ von 1936 beschieden war.

Überblick/Aufstellung der wichtigsten Werke für Ensemble/Solo/Kammermusik-Orchester kann bei mir nachgefragt werden und wird auf Wunsch zugeschickt.

 

1970 – 1980

1971 gründete sich in Kanada ein Percussions-Ensemble „Nexus“. Dieses Ensemble ist bis heute weltweit aktiv und hatte ebenfalls nachhaltigen Einfluß auf die Entstehung, Verbreitung und Vermittlung der Musik für Schlaginstrumente.

Eine weiteres Ensemble gründet Allan Otte in den USA, die „Blackearth-Percussion-Group“. Dieses Ensemble existierte von 1972-1977, arbeitete eng mit Komponisten zusammen und machte eine der ersten, wichtigen Schallplatten mit Musik für Schlaginstrumente von John Cage, Lou Harrison, Mario Bertoncini, William Albright, Peter Parland und Edward Miller. 1979 entstand aus diesem Ensemble die bis heute aktive „Percussion Group Cincinnati“.

Steve Reich (1936) komponierte 1971 ein Werk für Percussion-Ensemble „Drumming“, dass zu einem Meilenstein in der Musik des 20. Jahrhunderts wurde. Reich, neben Phil Glass, Terry Riley und La Monte Young einer der bekanntesten und einflußreichsten Komponisten der sogenannten Minimal Music, die man durchaus als Gegenentwurf zur Serialität der Darmstädter Schule sehen kann, wandte in dieser Komposition zum ersten Mal das Prinzip des ‘Phase-Shifting’ an.

Aus dem zufällig entdeckten Phänomen, dass beim gleichzeitigen Abspielen zweier Tonbänder, durch minimale Veränderung der Ablaufgeschwindigkeiten, übergeordnete neue Rhythmen entstehen, entwickelte Steve Reich die obengenannte Kompositionstechnik. Diese wurde beispielhaft in seiner Komposition „Drumming“ (1971) umgesetzt.

Komponiert in vier Teilen: 1) für 4 Paar gestimmte Bongos, 2) für 3 Marimbas und 3 Frauenstimmen, 3) für 3 Glockenspieler, 1 Pfeifer und Piccolo, 4) für Alle.

Mit „Clapping Music“ (1972) und „Music For Pieces Of Wood“ (1973) entwickelte Reich weitere Kompositionstechniken, in dem er den Prozeß der Phasenverschiebung in einen graduellen und/oder additiven Prozeß weiterentwickelte. Dies hatte großen Einfluß auf viele später entstandene Stücke hatten.

1977 gründete sich in Holland mit dem „Slagwerk Den Haag“ und 1978 mit „Kroumata“ in Schweden, zwei weitere Percussion-Ensembles, die ebenfalls bis heute aktiv sind.

 Nach dem wichtigen 1975 für Schlagzeug-Solo „Psappha“ entsteht 1979 ein weiteres Werk von Iannis Xenakis. „Pleïades“ für Schlagzeug in dem er im zweiten Satz „Mateux“? neben bekannten Schlaginstrumenten ein von ihm neu entwickeltes , das „Seizen“ einsetzte.

Die beiden Werke von Xenakis, stehen mit ihren komplexen, auf mathematischen und computergenerierten aufgebauten Reihen, direkt in der Tradition der Serialisten der Darmstädter Schule und sind das genaue Gegenteil der Kompositionsmodelle der Komponisten der Minimal Music. Für diese war es wichtig, dass die zugrundeliegenden Strukturen, Modelle, Techniken für den Hörer wieder wahrnehmbar sind.

Überblick/Aufstellung der wichtigsten Werke für Ensemble/Solo/Kammermusik-Orchester kann bei mir nachgefragt werden und wird auf Wunsch zugeschickt.

 

1980 – 1990

Gegen Mitte der 70iger und mit Beginn der 80iger Jahre wurden erstmals an verschiedenen Musikhochschulen in Deutschland die ersten Professuren für Schlagzeug eingerichtet. Es wurde evident die Schlagzeugausbildung, die bis dahin ausschließlich auf die Orchesterausbildung fokussiert war, den neuen Anforderungen an Schlagzeuger anzupassen. Diese entstehen einerseits aus den vollständig veränderten künstlerisch-musikalischen Anforderungen der neuen musikalischen Spielpraktiken an den Schlagzeuger bis hin zu einer künstlerischen Ausbildung sowohl im Solo- wie im Ensemble-Spiel.

Andererseits entsteht eine große Nachfrage nach fundiertem Schlagzeug-Unterricht durch die ständig wachsende Zahl aktiver Musiker im Bereich und mit Interesse für die populäre Musik.

Die wichtigsten und einflußreichsten Lehre waren Siegfried Fink (1974-1993) in Würzburg, Hermann Gschwendtner (+ - 1980?)in München (Nachfolge von Peinkofer/Tannigel) Klaus Treßelt (1982-2003) in Stuttgart und Christoph Caskel (1975-1998) in Köln, Bernhard Wulff (1985- ) in Freiburg. Es bildeten sich erste Schlagzeug-Ensembles, die zunächst vor allem an den Hochschulen aktiv wurden, erste Schallplatteneinspielungen machten und so allmählich auch im Konzertleben auftauchten und wahrgenommen wurden.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch darauf hinweisen, dass etwa zur gleichen Zeit die ersten Jazz-Schlagzeug-Studiengänge eingerichtet wurden. Peter Giger in Köln und Pierre in Stuttgart.

Wichtige Stücke für Ensemble entstehen. Wolfgang Rihms „Tutuguri VI“ (1981), von Toru Takemitsu „Raintree“ aus dem gleichen Jahr. Nicolaus A. Hubers „Herbst-Festival“ mit der wunderbaren „Clash-Music“, Mauricio Kagels „Rrrrr...“ und viele andere Stücke um nur einige zu nennen. 1985 schreiben Maki Ishii „Thirteen Drums“ und 1989 Iannis Xenakis „Rebonds A/B“ zwei weitere wichtige Werke für Solo-Schlagzeug.

Überblick/Aufstellung der wichtigsten Werke für Ensemble/Solo/Kammermusik-Orchester kann bei mir nachgefragt werden und wird auf Wunsch zugeschickt.

 

1990 – 2000

Das Schlagzeugspiel wird populärer und immer mehr junge Menschen wollen dieses interessante Instrument spielen. Die Nachfrage nach Unterricht, Unterrichts- und Spiel-Material steigt ständig. An vielen Musikschulen, vor allem im Süden Deutschlands, in Bayern und Baden-Württemberg, werden Stellen für Schlagzeug-Pädagogen geschaffen. Auf dem Hintergrund des alle drei Jahre stattfindenden Wettbewerbs „Jugend musiziert“ für Schlagzeug-Ensemble, im Wechsel mit Schlagzeug-Solo und einem Schlagzeug freiem Jahr, bilden sich viele Ensembles.

Hier lässt sich für mich wieder ein Wandel feststellen.

Die Tatsache, dass immer mehr Menschen Schlagzeug spielen lernen wollen, deckt den Mangel an geeigneter Unterrichts- und Spiel-Literatur auf. Die Stücke, die es für Ensembles gibt, sind meistens schwer zu spielen und damit für den Unterricht von Jugendlichen wenig oder gar nicht geeignet oder zu verwenden. Oft verlangten sie auch noch nach einer großen Anzahl unterschiedlichster Instrumente die an den meisten Musikschulen nicht vorhanden sind. Aus dieser Tatsache heraus beginnen viele Schlagzeuger/Schlagzeug-Pädagogen für den Unterricht, der speziellen Situation angepasst und auf die Möglichkeiten an den Musikschulen hin ausgerichtet, Stücke für Schlagzeug zu schreiben. Es entstehen erste Spiel-Stücke, im Besten Sinne Spiel-Musiken.

Im künstlerischen Bereich werden von namhaften Komponisten weiterhin Werke für Schlagzeug-Ensemble geschrieben. Die kompositorische Arbeit für diese Instrumentengruppe ist inzwischen etabliert und es gibt keine oder nur noch wenige wirklich „neue, epochale“ Stücke. Im wesentlichen sind diese jetzt geprägt durch den „Personal-Stil“ der einzelnen Komponisten.

Die interessanteren Entwürfe finden sich meines Erachtens in der Verbindung von Schlagzeug-Ensemble mit Orchester wie z. B. das vom Nexus uraufgeführte „From me flows what you call time“ von Toru Takemitsu aus dem Jahr 1990, oder das „Concerto for Percussion and Orchestra“ von Joseph Schwantner von 1994 und das „Water Concerto for Water Percussion and Orchestra“ von Tan Dun aus dem Jahr 1998. Zumindest im letztgenannten werden ungewöhnliche Spieltechniken erfunden und gefordert.

 

Überblick/Aufstellung der wichtigsten Werke für Ensemble/Solo/Kammermusik-Orchester kann bei mir nachgefragt werden und wird auf Wunsch zugeschickt.

 

2000 - 2013

Die im vorigen Abschnitt beschriebenen Tendenzen schreiben sich fest. Wenig aufregende neue Stück, dafür eine kaum noch zu überblickende Anzahl von Spiel-Musiken. 1993 finden sich in der Literaturliste Schlagzeug von Jugend musiziert ca. 300 Stücke für Ensemble. Im Katalog 2011 von Percussion-Brandt sind ca. 3000 Stücke aufgeführt.

 

 

Literatur zur Vertiefung:

Antheil, George: Bad Boy Of Music, Europäische Verlagsanstalt/Rotbuch, Hamburg, 2000

Beck, John. H.: Encyclopedia of Percussion, 2. Ed., Routledge, New York, 2014

Blades James: Percussion Instruments And Their History, Revised Edition, 1984, Faber&Faber, London

Cage, John: Für die Vögel, Merve Verlag, Berlin, 1984

Hrg.: Metzger, H. K./ Riehn R: Musik-Konzepte Sonderband John Cage I + II, edition text + kritik, München, 1978 und 1990

Kostelanetz, Richard: John Cage, Verlag M. DuMont Schauberg, Köln, 1973

Prieberg, Fred K.: Musica Ex Machina, Ullstein, Frankfurt a. M., 1960

 Racz, Gyula Hr.: Das große Buch der Schlagzeugpraxis, ConBrio, Regensburg, 2014     

Tannigel, Fritz/ Peinkopfer Karl: Vom Ur-Kult bis zum Percussions-Ensemble. Werden und Wesen des Schlagzeugs I – III; in: Das Orchester, 6/1980, 9/1980, 4/1981, B. Schott´s Söhne, Mainz, 1980-81

Tannigel, Fritz/ Peinkopfer Karl: Handbuch des Schlagzeugs – Praxis und Theorie,B. Schott´s Söhne, Mainz, 1969

Versch.: That´s Jazz. Der Sound des 20. Jahrhunderts, Ausstellungskatalog, Internationales Musikinstitut Darmstadt, Internationales Jazz-Zentrum, Joachim-Ernst-Berendt-Archiv, Darmstadt, 1988

Wehmeyer, Grete: Edgar Varèse, Gustav Bosse Verlag, Regensburg, 1977

Williams, B. Michael: The Early Percussion Music Of John Cage, 1935-1943, in Percussive Notes, August 1993

Williams, B. Michael: John Cage: Professor, Maestro, Percussionist, Composer, in Percussive Notes, August 1998

Ein Überblick und Aufstellung der wichtigsten Werke für Ensemble/Solo/Kammermusik-Orchester kann bei mir nachgefragt werden und wird auf Wunsch zugeschickt.

Viel Spaß beim Lesen.

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